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Ruhrgebiet mal anders

Im Interview mit dem Krimiautor Jörg Stanko

Jörg Stanko ist freier Publizist und lebt in Essen. Er schreibt für medizinische Fachzeitschriften und hat bisher Romane, Kinderbücher und Krimis veröffentlicht. Die Ruhrgebietskrimi-Reihe „Krimmini Ruhr“ schreibt er zusammen mit Arnd Rüskamp. In der pt Zeitschrift für Physiotherapeuten erscheint seine monatliche Glosse „ ... und wieder locker lassen!“, die es mittlerweile auch als Buch gibt.

Sie schreiben die Ruhrgebietskrimireihe „Krimmini Ruhr“. Es gibt mittlerweile elf Bände. Wo handeln ihre Geschichten?

Zunächst ist vielleicht wichtig, dass wir die Bücher zu zweit schreiben, Arnd Rüskamp ist mein ständiger Sidekick bei diesem Projekt. Mein Ermittler Kalle Krusenberg lebt in Essen-Holsterhausen. Arnds Hauptfigur, Toni Hasenäcker, auf der Margarethenhöhe. Für uns reicht das Ruhrgebiet mindestens von Duisburg bis Dortmund. Eigentlich von Zeeland bis ins Sauerland. Irgendwo passieren immer Verbrechen: Auf dem Essener Kennedyplatz, auf Schalke, am Phönixsee, in Ruhrort, in einem Biomasse-Heizkraftwerk in Oberhausen. Für unsere Helden gibt es also genug zu tun.

 

Was fasziniert Sie am Ruhrgebiet?

Die Vielfalt. Die Unterschiede. Die Lebendigkeit. Diese Leichtigkeit, die immer mit einer Schwere korrespondiert. Eine Einfachheit, die tatsächlich auch einfach ist. Und bei allen Klischees, die Fähigkeit der Menschen hier gut differenzieren zu können: Wir sind nicht München, nicht die Bahamas, nicht Wien. Wir sind von allem etwas und außerdem auch noch wir selbst. Und wir sind Schalker oder Borussen – aber nie beides. Unsere Großväter haben unter Tage täglich ums Überleben gekämpft. Das führt zu einer gewissen Gelassenheit in den Genen. Wir prüfen, ob wir uns auf unser Gegenüber verlassen können. Alles andere ist nicht so wichtig.

Wie schwer ist es, das Ruhrgebiet zu beschreiben?

Mein Roman „GlücksSommer“ handelt an der Côte d’Azur und in Essen. Ich dachte erst, Frankreich sei einfacher zu beschreiben: Lavendelbüsche, das Meer, Rotwein, schöne Menschen, Bars. Als ich dann Essen beschrieb, war es ganz einfach: Rüttenscheid, Lavendelbüsche, die Ruhr, Stauder Pils, schöne Menschen, Bars.

 

Warum ist das "alte" Ruhrgebiet immer noch so ein starkes Motiv?

Bilder haben immer etwas mit Identität zu tun. Das starke Festhalten an alten Bildern kann auch auf Ängste hinweisen. Die Menschen hier haben sich sehr mit Kohle und Stahl identifiziert. Der Strukturwandel war lang und schwer. Ich erlebe aber auch, gerade unter jüngeren Menschen, eine starke Identifikation mit diesem „Melting-Pott-Feeling“. Man identifiziert sich beispielsweise über die alten Migrationsgrenzen hinweg über ethnische Vielfalt, Kreativität, Musik und Diversität. Das gefällt mir gut!

 

Wo entstehen die Ideen für Ihre Geschichten? Gibt es Orte im Ruhrgebiet, die Sie besonders inspirieren?

Das Ruhrgebiet an sich ist ein inspirierender Ort. Gleich bei mir um die Ecke bekomme ich einen guten Döner. Zu Fuß bin ich in 15 Minuten am Museum Folkwang. Mit dem Fahrrad in 20 Minuten am Niederfeldsee. Die ganze Palette einer lebendigen Metropole umgibt mich, von hip über abgeranzt bis bürgerlich.

Eine Prognose: Wie stellen Sie sich das Ruhrgebiet in 20 Jahren vor?

Weil wir viel angesagter sind als Berlin, ist der Bundestag ins Ruhrgebiet umgezogen. Die Bundespräsidentin residiert in der Villa Hügel. Weltweit wird die innovative Kraft des Ruhrgebiets gelobt. Niemand sagt mehr: „We live near Duesseldorf.“ Flugtaxis haben den Autoverkehr ersetzt. Regenerative Energien decken hundert Prozent unseres Bedarfs. Kalle Krusenberg und Toni Hasenäcker sind beliebte Filmfiguren geworden. Das internationale Bild der Region: „Was it really this Kohle-Gegend?“

 

Gibt es bereits Pläne für Ihren nächsten Krimi - und wo wird der spielen?

Da wir ja eine Krimi-Reihe schreiben, haben wir immer schon mehrere Pläne vorrätig. Eine Idee, die mich gerade beschäftigt, wäre ein Plot, der die internationalen Vernetzungen des Ruhrgebiets thematisiert. Ein mysteriöser Unfall am Messe-Stand der Business Metropole Ruhr in Tel Aviv wäre spannend. (Er lacht.)