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Forscher wollen mit einer Seilbahn den Verkehrskollaps in Städten überwinden. Sie schlagen eine Teststrecke in Essen ab 2023 vor. Die Kabinen sollen auch als E-Bus fahren können.

Ich sehe die Vision ganz deutlich vor meinem inneren Auge. Dortmund-Hörde. Im Jahr 2030. Mit Freunden aus München, Seattle und Antwerpen laufe ich zu einer Eisbude. Zunächst gönnen wir uns Köstlichkeiten in beliebten Ruhrmetropolen-Geschmacksrichtungen: Ümminger Algen (vegan) und Salzkaramell. Die Traditionalisten nehmen Curry an Wurst.

Die so gestärkte Community ist nicht mehr zu halten. Sie will endlich die Gondel besteigen. Es rattert ein bisschen, dann schweben wir lautlos in die Höhe. Unter uns der Phoenix-See. Der 360°-Blick aus der dezent in gelb-schwarz gehaltenen Kabine „Kloppo“ ist atemberaubend. „Da unten war mal die Hermannshütte“, sagt einer.

 

Mit "Gröni" bis zum Baldeneysee

So gleiten wir bis nach Bochum. Ausstieg Kemnader See. Kurzer Blick ins Grüne. Dann umsteigen. Die Kabine „Gröni“ bringt uns bis zum Baldeneysee, macht aber vorher noch einen kurzen Schlenker über das Gelände der Hattinger Henrichshütte. Von weit oben schaut man auf ein überdimensioniertes Nudelholz aus Stahl. Museale, kraftvolle Pracht. Dort unten entstanden einst Guss- und Schmiedestücke für Atomreaktoren und Weltraumraketen.

Die Kabine im Pop Art-Look zeigt bunte Variationen des Grönemeyer’schen Kopfes. Fast könnte man den Sänger mit der Monroe verwechseln, wäre da nicht das schüttere Haar. Wir schweben derweil über Baumwipfeln dahin. Die Duisburger Sechs-Seen-Platte wartet schon auf uns. Ist das Zukunftsmusik? Nö.

Auf dem alten Zechengelände General Blumenthal plant die Stadt Herne ein neues Technologie-Zentrum. Eine Seilbahn soll die "Technology World" mit dem Bahnhof verbinden.

Es wird Zeit, die Lüfte zu erobern

Nachdem wir das Ruhrgebiet zunächst besiedelt haben, die Bodenschätze unter Tage nutzbar gemacht  – und über Tage die Autobahnen, nun ja, sagen wir mal: gut auslasten –, ist es an der Zeit, die Lüfte zu erobern! Beispielsweise mit Seilbahnen.

Über eine Kombination aus Elektrobus und Seilbahn denkt man in Essen nach. Eine Pilotstrecke könnte die nördliche Innenstadt mit dem geplanten Gewerbegebiet „Freiheit Emscher“ verbinden.

Große Pläne gibt es auch in Herne. Dort soll auf dem ehemaligen Gelände der Zeche General Blumenthal die „International Technology World“ entstehen. Eine Seilbahn könnte den Hauptbahnhof Wanne-Eickel mit diesem Areal verbinden. Die Gondeln sollen auf einer Höhe von 100 Metern schweben.

 

Vom Hauptbahnhof bis in den "Ruhr Park"

In Bochum gibt es die Idee, den Hauptbahnhof per Gondel mit dem Einkaufszentrum „Ruhr Park“ zu verbinden und das ehemalige Opelgelände mit dem Uni-Campus. Der Kemnader See könnte angeschlossen werden (!). Auch in Dortmund wird eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Eine potenzielle Seilbahnlinie könnte den Stadtteil Dorstfeld mit dem Hafen verbinden. Überraschenderweise denkt man selbst in München über Seilbahnen nach.

Im bolivianischen La Paz steht bereits das größte städtische Seilbahnnetz der Welt und es ist ein ganz selbstverständlicher Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Die Seilbahn in den Anden hat zehn Linien und ist 33 Kilometer lang. Zwischen 90.000 und  300.000 Menschen sollen „Mi Teleférico“ täglich nutzen.

Nach Expertenmeinungen haben Seilbahnen fast nur Vorteile. Sie sind schnell gebaut („Man muss keine Tunnel buddeln“). Ein paar punktuelle Pylonen, einige kluge Architekten und Ingenieure, eine herzige Bob der Baumeister-Mentalität („Yo wir schaffen das!“) und in Windeseile sind sie fertig. Kein Stau. Kaum Lärm. Eine große Entlastung des übrigen Verkehrs. Das klingt doch gut! Wir sollten das machen. Nicht nur in Bochum oder Herne, sondern städteübergreifend.

Für diese zukünftige Ruhrgebietsseilbahn hätte ich einen ganz persönlichen Wunsch. Ich wäre gerne Taufpate einer Gondel. Der Gondel „Jean-Luc Picard.“ Ruhrarea – The Next Generation! Und eine letzte Bitte noch: Wir sollten schneller sein als München.


Jörg Stanko ist Schriftsteller und Journalist. Er lebt seit 1991 im Ruhrgebiet. Seine Romane Männer mit kalten Füßen und GlücksSommer spielen in Essen. Zusammen mit Arnd Rüskamp schreibt er die Ruhrgebietskrimireihe Krimmini Ruhr. Den Auftakt zu seiner Kolumne "Stankos Metropole Ruhr" lesen Sie hier.

www.joergstanko.de

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