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Quelle: RuhrtalRadweg/ Dennis Stratmann

Es ist Samstag, ziemlich früh, der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm – und in Coronazeiten kann er in Ruhe Sport treiben. Ich hole das Fahrrad aus dem Keller, ziehe meinen Helm tief in die Stirn und das Multifunktionshalstuch bis über beide Ohren und Nasenlöcher. Komme mir vor wie Jan Frodeno, allerdings mit den Atemgeräuschen von Darth Vader und der visuellen Wahrnehmung von Zorro (heldenhaft aber eingeschränkt). Was macht man nicht alles, um ein Virus aufzuhalten?

Der Geruch von Fernweh

Von Essen-Frohnhausen fahre ich auf dem Radschnellweg Ruhr RS1 – von Ruhr-Metropolen-Einwohnern liebevoll „Fahrradautobahn“ genannt – nach Mülheim an der Ruhr. Der Sound unter den Rädern ist satt. Die Geschwindigkeit stimmt. Häuser fliegen vorbei. Vor Mülheim verlaufen Bahngleise parallel zum Radweg. Der Thalys nach Paris überholt mich. Ich liebe dieses metallische, kreischende Zug-Schienen-Geräusch und den Geruch nach Staub und Zug, der danach in der Luft hängt. Der Geruch von Fernweh. Liège, Brüssel, Paris. Das Schöne an dieser Radstrecke ist, dass man seinem Fernweh nachspüren kann und trotzdem zum zweiten Frühstück wieder zu Hause ist.

Dogenpaläste und Biber

Ich verlasse den Radweg in Mülheim und fahre zur Ruhrpromenade am Stadthafen. Setze mich dort auf eine der Stufen am Hafenbecken. Gegenüber trutzt und residiert, wie ein alter, venezianischer Dogenpalast, die Mülheimer Stadthalle. Die Sonne scheint. Die Temperaturen sind mild. Einige Spaziergänger flanieren vorbei.

Eigentlich kann man hier in einer der vielen Locations ausgezeichnet ein Bier trinken oder sich ein Eis gönnen. Das ist mein geheimer Geheim-Tipp für Sie, für die Zeiten nach Corona: Der Stadthafen von Mülheim an der Ruhr ist ein lauschiges Plätzchen mit mediterranem Flair und gleichzeitigem Naturerlebnis-Feeling. Wenn man Glück hat, sieht man Biber in der Ruhr.

Nach einem ausgedehnten Sonnenbad besteige ich wieder mein Rad und fahre am Ruhrufer entlang in Richtung Essen-Kettwig. Hinter Mülheim wird der Fluss breiter, die Landschaft üppig. Ein Fischreiher lauert auf Beute. Die Strömung des Flusses kommt mir entgegen. Ich trete in die Pedale. Dann suche ich mir eine Bank, direkt am Wasser.

Wir leben am Fluss

Das Ruhrgebiet, denke ich, ist eigentlich nach diesem Fluss benannt. Welche Erkenntnis! Es ist aber wirklich so: Ich denke zuweilen, wie vermutlich viele andere auch, immer noch in den ollen Klischees. Mit Ruhrgebiet assoziiere ich, obwohl ich mich intensiv mit den Veränderungen hier beschäftige, zunächst Industriekultur und städtisches Lebensgefühl. Das Besondere hier ist aber die großartige Mischung aus urbaner Vielfalt und der Möglichkeit natürlich, im Sinne von „nah an der Natur“ zu leben.

Wir leben an einem Fluss. Das denke ich so vor mich hin und schaue den Wassermassen nach, die an mir vorbei fließen. Nach Mülheim, Duisburg, durch die Ruhr, in den Rhein, irgendwo ins Meer. Im Hinduismus ist der Ganges heilig. Ein Fluss bedeutet Leben, Bewegung, Veränderung und Beständigkeit gleichermaßen.

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Easy Flying

Im Ruhrgebiet sind in den letzten Jahren viele Hot Spots entstanden, die ein Leben am Wasser oder in der Nähe von Wasser ermöglichen: der Phoenix-See in Dortmund, der Duisburger Innenhafen, neue Quartiere in Essen-Kettwig und Horst. Man könnte fast behaupten: Am Wasser zu leben ist die neue Industriekultur.

Beschwingt fahre ich weiter. „Gegen die Strömung und gegen den Wind“, kommt mir in den Sinn. Nee. Ich drehe das Fahrrad um 180 Grad. „Ride like the wind“, summt es in meinem Kopf. Das ist besser!

Mit Wind in den Haaren und Freude im Herzen, fliege ich auf meinem Rad durch die Metropole Ruhr, einen Fluss direkt an meiner Seite. Das fühlt sich gut an.


Jörg Stanko ist Schriftsteller und Journalist. Er lebt seit 1991 im Ruhrgebiet. Seine Romane Männer mit kalten Füßen und GlücksSommer spielen in Essen. Zusammen mit Arnd Rüskamp schreibt er die Ruhrgebietskrimireihe Krimmini Ruhr. Den letzten Teil "Stankos Metropole Ruhr" lesen Sie hier.

www.joergstanko.de