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Digitalisierung als Chance für Unternehmen

Im Interview mit Henrik Hahn

Henrik Hahn ist beim Spezialchemiekonzern Evonik für die Digitalisierung zuständig. Der 49-jährige ist Chief Digital Officer und uns hat er erzählt, warum Digitalisierung für Unternehmen eine Herausforderung aber zeitgleich eine große Chance bietet. Mit der Evonik Digital GmbH ist der Konzern 2017 neue Wege gegangen.

Henrik Hahn, Chief Digital Officer bei Evonik

Wie definieren Sie „Digitalisierung“ als Herausforderung für Unternehmen?

Für Unternehmen sehe ich bei der Digitalisierung drei besonders wichtige Aspekte: 1. Digitalisierung kommt nicht mit der Brechstange. Sie ist vielmehr ein Entwicklungsprozess, der auf lange Zeit angelegt ist. Es gibt immer wieder ganz neue Möglichkeiten und Chancen. 2. Vertrauen ist der Schlüssel: Digitalisierung braucht Datenaustausch. Menschen und Unternehmen stellen ihre eigenen Daten aber nur zur Verfügung, wenn das für sie einen Vorteil bringt. Kunden und Geschäftspartner müssen überzeugt sein, dass ihre Daten vom Unternehmen verantwortungsbewusst verwendet werden. So wird aus der Datenfrage eine Vertrauensfrage. Denn: 3. Digitalisierung klappt nur mit den Menschen, nicht gegen sie: Bei jeder Veränderung machen sich Menschen Sorgen und sind skeptisch. Wahr ist, dass die Digitalisierung in Unternehmen Veränderungen bringen wird. Es bleibt nicht alles beim Alten. Doch das bedeutet auch, dass Arbeitsabläufe gesünder, abwechslungsreicher und kreativer werden können.

 

Wie sollen Unternehmen darauf reagieren?

Unternehmen tun gut daran, ihre Mitarbeiter auf die neuen Chancen und Möglichkeiten gut vorzubereiten, sie zu informieren, zu schulen und zu motivieren. Dazu gehört auch, über Veränderungen klar und ehrlich zu sprechen, denn auch Berufsbilder werden sich ändern. Die Veränderungen kommen. Wer sie auch bei der Digitalisierung als Chance begreift, macht es richtig - als Arbeitgeber und als Arbeitnehmer.

Was sind denn die größten Herausforderungen für Unternehmen?

Ehrlich gesagt besteht die größte Herausforderung darin, die Vielzahl an kleinen Herausforderungen zu managen.

Produkte lassen sich durch die Digitalisierung immer besser nach den Wünschen jedes einzelnen Kunden entwickeln und herstellen. Das ist eine ganz große Chance für Spezialisten mit großem fachlichen Know-how und viel Erfahrung. Die Digitalisierung macht es der Industrie möglich, Kundenwünsche viel einfacher und individuell zu erfüllen. Dafür ist aber ein stärkerer Dialog und eine engere Einbindung der Kunden schon bei der Produktplanung notwendig. Das Produkt von der Stange ist auf dem Rückzug. Gerade für etablierte Unternehmen bedeutet das eine erhebliche Herausforderung, denn sie müssen traditionelle Abläufe verändern. Geschwindigkeit, Dialog und Flexibilität bekommen eine viel größere Bedeutung als bisher.

Hinzu kommen ganz neue Wettbewerber in klassischen Branchen.

Richtig. Die Menschen können heute schon Bücher oder Hustensaft bei Internet-Händlern bestellen, die es vor ein paar Jahren überhaupt noch nicht gab. Es reicht also nicht mehr, besser zu sein, als die altbekannten Konkurrenten aus der eigenen Branche. Es ist heute möglich, nahezu jedes Produkt über Internet-Plattformen zu handeln. Das gilt nicht nur für das Geschäft mit Endkunden. Auch Industrieunternehmen müssen sich da wappnen – und aus den neuen Geschäftsmöglichkeiten rechtzeitig eigene Angebote entwickeln.

Ist der technische und mentale Zugang zu Digitalisierung ein Standortfaktor, vom schnellen Internet bis zur Vorbildung der Mitarbeiter?

Ja, eindeutig. Der schnelle Transport von Daten ist heute so wichtig für den Erfolg eines Landes wie der schnelle Transport von Waren. Deutschland hat eine starke, moderne und leistungsfähige Industrie. Sie ist ein wesentlicher Grund für unseren wirtschaftlichen Erfolg. Das ist möglich, weil wir hervorragend ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Um unsere gute duale Berufsausbildung zum Beispiel beneiden uns viele Länder. Unser Land ist auch ein Land der Entwickler und Erfinder. Wir müssen aber aufpassen, dass uns das Interesse an Innovationen, an neuen technischen Möglichkeiten nicht verloren geht. Denn dann geben wir nicht nur die Möglichkeit auf, Entwicklungen mitzugestalten, sondern wir werden auch wirtschaftlich auf der Verliererseite landen.

 

Evonik Digital probiert neue Ideen aus und baut digitale Kompetenten auf. Wie gelingt jedoch die Umsetzung im Konzern? Wie prüfen Sie neue Ideen und wie muss man sich das Ausrollen vorstellen?

Wir entwickeln neue Ideen und Konzepte sehr häufig in enger Zusammenarbeit mit den betreffenden Fachabteilungen – gerade mit der globalen Unternehmens-IT. So ist gewährleistet, dass schon bei der Entwicklung viele verschiedene Wissensquellen und Erfahrungen einfließen. Praxisnähe und schnelle Umsetzbarkeit sind uns wichtig. Wenn wir überzeugt sind, eine gute Lösung gefunden zu haben, bringen wir sie stufenweise in die Praxis. Wir skalieren unsere Ergebnisse hoch, probieren zunächst an einer einzelnen Anlage aus, ob zum Beispiel eine stärker digitalisierte Produktionsplanung die gewünschten Vorteile liefert. Haben wir Erfolg, skalieren wir das Projekt hoch – auf weitere Anlagen und Standorte. Auch dabei fließen immer wieder weitere Verbesserungen ein. Dieses Vorgehen zeigt einmal mehr, dass die Digitalisierung keine ruckartige Veränderung bedeutet, sondern eine permanente, langfristige Weiterentwicklung ist. 

Wie gelingt in Unternehmen der Spagat zwischen Verschlafen und hektischem Aktionismus? Ist das überhaupt eine Gefahr?

Vor ein paar Jahren dachten viele Menschen noch, Digitalisierung sei eher ein Thema für den Einzelhandel und andere Dienstleister. Inzwischen erkennen immer mehr Leute, dass die Industrie da mindestens ebenso viele spannende Möglichkeiten hat. Deutschland sollte nicht der Versuchung erliegen, die großen und schon jetzt milliardenschweren Internet-Dienstleister aus dem Silicon Valley nachbilden zu wollen. Wir sollten selbstbewusst sein, unseren eigenen Weg zu gehen. Der führt zu einem guten Stück über unsere industrielle Stärke: Ich sehe unsere Chance eher in einer sehr modernen, spezialisierten und digitalisierten Industrieproduktion. Was wir da heute können, können nicht alle auf der Welt. Die Digitalisierung ist ein geeignetes Werkzeug, um unsere gute Position zu halten und vielleicht sogar noch auszubauen. Hektischer Aktionismus ist dabei ebenso schädlich wie die Vorstellung, man könne sich auf dem Lorbeer vergangener Jahre ausruhen.

Um die Digitalisierung in unternehmerischen Erfolg umzumünzen, ist Besonnenheit und strategisches Denken notwendig. Es gilt jetzt, auch über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg, neue Bündnisse zu schließen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen und sich gut zu vernetzen. Das hilft, die Herausforderungen zu meistern und aus Chancen wirtschaftliche Erfolge zu machen. Diese Vernetzung ist auch der Schlüssel zum Erfolg innerhalb des eigenen Unternehmens. Daran arbeiten wir intensiv, und als Chief Digital Officer ist genau das eine meiner wichtigsten Aufgaben.