Mechthild Schroeter-Rupieper, Inhaberin des Lavia Institus für Familientrauerbegleitung.

Lücke im Gesundheitssystem: Kaum Unterstützung für trauernde Kinder

Das deutsche Gesundheitssystem ist gut organisiert, gilt als eines besten der Welt. Doch immer wieder gibt es Lücken in diesem System. Vor allem für junge Menschen, die den Verlust eines nahen Verwandten - Mutter, Vater, Tod eines Geschwisterkindes - zu verkraften haben, gibt es kaum Anlaufstellen und nur wenig Unterstützung, die zudem meist privat finanziert werden muss. Lavia - das Institut für Familientrauerbegleitung - aus Gelsenkirchen ist eine solche Anlaufstelle, die einzige ihrer Art in der Metropole Ruhr. Leiterin Mechthild Schroeter-Rupieper hat das Institut vor 15 Jahren gegründet - das erste mit dem Fokus Familie in der Metropole Ruhr, aber auch bundesweit. Mittlerweile beschäftigt sie zehn Mitarbeiter auf Honorarbasis. Im Interview erzählt sie, warum eine längere Begleitung gerade der Jüngsten so sinnvoll ist und was ihre Arbeit ausmacht.

 

 

Frau Schroeter-Rupieper, welche Betreuung sieht denn das Gesundheitssystem für trauernde Kinder und Jugendliche vor?

Mechthild Schroeter-Rupieper: Eigentlich gar keine. Kurz nach dem Tod eines Elternteils oder auch Geschwisterkindes gibt es teilweise eine kostenlose Notfallseelsorge der Kirchen - von maximal fünf Stunden. Nach schrecklichen Unfällen können Familien auch mit einem Traumatherapeuten in der Klinik sprechen. Die Krankenkassen springen aber erst ein, wenn Eltern oder Kinder akute Krankheitssymptome zeigen. Dann werden etwa Medikamente gegen Schlafstörungen oder Depressionen für Erwachsene und Jugendliche gezahlt. Oder sie können zu einem Psychologen und Psychotherapeuten gehen. Wartezeit: fünf bis acht Monate.

 

In Gruppensitzungen können junge Menschen ihre Trauer oft leichter bewältigen. Das Lavia Institut für Familientrauerbegleitung ist die richtige Anlaufstelle dafür.

Warum ist das nicht ausreichend?

Mechtild Schroeter-Rupieper: Die Notfallseelsorge und auch die Gespräche mit dem Traumatherapeuten greifen zu kurz. Erst nach und nach begreifen Angehörige, was der Verlust eines geliebten Menschen für sie bedeutet, nachdem etwa die Bestattungsbürokratie erledigt ist. Und Trauerreaktionen in Krankheitszeiten vor dem anstehenden Tod werden meist überhaupt nicht ahrgenommen. Psychotherapeuten und Psychologen behandeln zudem nur die Symptome, bieten aber keine Trauerbegleitung im eigentlichen Sinn und am Ort des Geschehens an. Wird Trauer unterdrückt und nicht lange genug begleitet, können Kinder und Jugendliche später persönliche Störungen entwickeln. Dazu gehören Ängste, vor allem Verlustängste, Beziehungsstörungen, Aggressionen, Schuldgefühle bis hin zu Depressionen.

 

 

Was macht Ihr Trauerinstitut anders?

Mechtild Schroeter-Rupieper: Wir begleiten vorrangig jung verwitwete oder verwaiste Männer und Frauen, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene über einen längeren Zeitraum - meist zwei bis vier Jahre. Am Anfang stehen Einzelgespräche, später Trauergruppen, die von Pädagogen mit einer speziellen Qualifikation angeleitet werden. Derzeit betreuen wir über 190 Kinder und Jugendliche in elf Gruppen, die nach Alter gestaffelt meist mehrere Altersstufen umfassen. In unseren Trauergruppen haben die Kinder Raum über den Tod mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Verluste erlitten haben, über ihren Alltag mit der Trauer, über das, was sie gerade bewegt. Sie lernen, dass Trauer sehr individuell ist und verschiedene Trauerreaktionen normal sind. Doch unsere Gruppen sind nicht nur traurig, es wird viel gelacht und spielerisch ins Gespräch gegangen. Wir geben präventive Hilfe zur Selbsthilfe, zeigen ihnen Wege auf, ihrer Trauer einen Ausdruck zu geben und Trauerrituale zu entwickeln. Dafür habe ich eine ganz normale Wohnung mit großer Wohnküche angemietet - ohne Praxisatmosphäre. Demnächst ziehen wir in ein Wohnhaus. Oftmals begleiten wir Familien auch schon vor dem Tod eines unheilbar kranken Elternteils oder Geschwisterkindes, nicht als Sterbe-, sondern Trauerbegleiter. Zudem bieten wir auch dem sozialen Umfeld der Trauernden Orientierungshilfe an.

Trauerbewältigung ist in jedem Alter ein wichtiger Anker, um den Mut nicht zu verlieren.

Wie finanzieren Sie diese Arbeit?

Mechthild Schroeter-Rupieper: Über eine Mischkalkulation: Wir haben seit zehn Jahren einen Förderverein, der drei Stunden Akuthilfe, bei Unterstützungsbedarf auch mehr und die Trauergruppen übernimmt. Sofern Geld da ist. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden. Private Zahlungen sind oft schwierig, weil viele junge Familien, in denen ein Elternteil früh stirbt, oft nicht die Mittel haben. Zusätzlich finanziere ich das Institut und die Mitarbeiter, ihre Versicherungen und monatlichen Supervisionen, über Seminare in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Schön wäre es, wenn Trauerbegleitung in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen würde. Denn Jugendliche, die ihre Trauer gut verarbeitet haben, sind krisenfest und belastbar - ein Gewinn für jedes Unternehmen und die Gesellschaft.